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Magenbitter aus Lüttringen erobert die Welt

18. Juli
7 Min. Lesezeit
Bild mit Titelzeile der Dortmunder Zeitung vom 12. September 1886

In der Dortmunder Zeitung vom 12. September 1886 wurde unter der Rubrik „Provinzielles“ der in Lüttringen geborene Anton Hellmich in einem Artikel gewürdigt. [1] Anlass war das 25-jährige Jubiläum von „Hellmichs Magenbitter“. Sowohl Anton Hellmich als auch sein Produkt fanden große Anerkennung, mussten jedoch auch erhebliche Rückschläge hinnehmen. Auch bemerkenswert sind die Marketingmethoden jener Zeit.


Zunächst der Artikel mit der Laudatio im vollständigen Wortlaut.


[Eine Dortmunder Berühmtheit] Da sage noch einer, daß wir nicht berühmte Zeitgenossen in unseren Mauern haben! Es wird uns von freundlicher Hand eine Nummer einer Zeitung zugesandt, welche den pompösen Titel führt „Triester Journal International, Organ für Agrikultur, Nationalökonomie, Handel, Finanz- und Assekuranzwesen, Industrie, Marine, Weltverkehr, Wissenschaft, Kunst und Theater, Schiffahrts-Zeitung und Eisenbahn-Courier“ (das genügt!), und dieses so außerordentlich reichhaltige Journal für Reklame und Südfrüchte bringt auf seiner ersten Seite ein großes Portrait des Herrn – Anton Hellmich? Der dieses Bild begleitende Text ist so schön, daß wir ihn unseren Lesern nicht vorenthalten wollen.

Er lautet:

Anton Hellmich

(Ein fünfundzwanzigjähriges Jubiläum)

Von Med. Dr. F. X. Kristaldo

Wenn wir heute das wohlgelungene Porträt Anton Hellmichs, des berühmten Fabrikanten aus Westfalen (zu Dortmund), des großen Regenerators im Fache der Magen-Likör-Fabrikation bringen, dessen selbst von den berühmten französischen Fabriken beiweitem nicht übertroffenes Fabrikat „Westfälischer Magenbitter“ tausenden von Menschen die Erhaltung ihrer Gesundheit – ja die Wiedergenesung von schwerem körperlichem Leiden und schrecklichem durch kein anderes Medikament aufzuhaltendem Sichtume, oder die Behebung zahlloser plötzlicher Übelkeiten verdanken und Segensworte zum Allvater für den Erzeuger dieses wahrhaften Lebens-Elexiers emporsenden – so können wir als Vertreter der Oeffentlichkeit um so weniger zurückbleiben, um einen der vornehmsten und weit über dessen nächste Umgebung hinaus hochgeachteten Mitbürger – unserer verehrtesten Kommittenten, jenen Tribut zu zollen, den jedes selbstlose Verdienst mit recht zu fordern tat.

Anton Hellmich (dessen wohlgelungenes Porträt wir heute unseren verehrten Lesern zum dauernden Angebinde machen, und das als humanes Wahrzeichen ebenso wie dessen Erzeugnis in seiner Familie fehlen wird) ist Inhaber der goldenen Medaille (1885, Paris), Realitäten {alter Begriff für Immobilien} - und Fabrikbesitzer und vielfach von Staatsmännern und solchen der Wissenschaft hoch akklamiert (so. z.B. vom Reichskanzler Fürsten Bismarck).


Weiter mit dem Beitrag der Dortmunder Zeitung:


Derselbe erblickte am 22. Februar 1822 zu Lüttringen (Regierungsbezirk Arnsberg im Königreich Preußen) das Licht der Welt und genoß unter der Leitung seines Vaters (Gutsbesitzer daselbst) eine vornehme Erziehung. Er entstammte einer alten, hochgeachteten, streng römisch-katholischen Adelsfamilie, deren Nachkommen sich jedoch ihres Prädikates seit längerer Zeit nicht mehr bedienen. Nach vollendeten Schulstudien trat Anton Hellmich ins ernste Leben ein – und so wie es schon gar vielen hervorragenden Männern ergangen, die sich mit Mühe und Anstrengung Schritt für Schritt vorwärts schreitend, begleitet von herben Kränkungen – den Lorbeer holen mußte; - ebenso blieben auch Anton Hellmich jene dornenvollen Pfade zu wandeln nicht erspart, die ihn aber später dennoch zum Ruhme und zum Triumphe wieder seiner Gegner führten.

Neben dem Gutsbesitz seines Vaters ererbte Anton Hellmich auch ein Rezept, aus den Jahren 1860/61 stammend, welches nichts Geringeres enthielt als die Anleitung zur fabrikmäßigen Erzeugung jenes magenstärkendes Elixiers „Hellmichs Magenbitter“ genannt, welches sich im Sturmschritte, alle anderen ähnlichen Erzeugnisse an Heilkraft weit überholend, nicht nur allein in Europa, sondern den ganzen Erdball erobert hat.

Heute sind es gerade 25 Jahre, daß dieses Mittel seinen segenbringenden Einzug zum Heile der Menschheit gehalten hat und es sei uns bei dieser Gelegenheit vergönnt, über Hellmichs Lebensbitter in einer Reihe von selbstständigen Artikeln jene Erfolge zur Kenntnis der Sanitätsbehörden und des großen Publikums zu bringen, welche Artikel sich aufgrund gerichtsärztlicher Gutachten und Heilberichte stützten, um so die 25jährige Jubiläumsfeier des weltberühmten Anton Hellmichschen Lebensbitters auf des Würdigste zu begehen.

Da sieht man doch, wie der Prophet in seinem Vaterlande unterschätzt wird, während draußen sein Lob wie Honigleim fließt, worin er – es sich ordentlich was kosten läßt. Wir sind übrigens weit entfernt, schnöde Bemerkungen an obigen Aufsatz zu knüpfen, sondern überlassen es jedem, sich seinen Bedarf an schlechten Witzen selbst zu machen. Es freut uns nur, daß der famose Artikel eine I. trägt und daher weitere, hoffentlich ebenso vergnügliche Forschungen verspricht.


Der Lebensweg von Anton Hellmich lässt sich anhand zahlreicher Quellen rekonstruieren:


1822


In den Kirchenbüchern von Bremen ist die Geburt von Franz Anton Helmich {hier als Helmich mit nur einem "l" geschrieben} am 11. Februar 1822 eingetragen. [2] Er war das fünfte und jüngste Kind des Ackermanns Johannes Hermann Helmich (*16.03.1785, †05.05.1852) und dessen Ehefrau Anna Catharina, geborene Robbert genannt Nüse (*22.03.1783, †07.03.1853).


Sein Vater gehörte mit einem Landbesitz von 47 ½ Morgen zu den größten Bauern in Lüttringen, er war dort der drittgrößte Grundbesitzer. [3]  Da die Eltern bereits vor Anton Helmichs Heirat verstarben und aus den Quellen nicht hervorgeht, dass er den Hof übernahm, ist davon auszugehen, dass er nicht Hoferbe war.


Sein ältester Bruder heiratete bereits 1835 Anna Catharina Görres in Hemmerde  (heute ein Stadtteil von Unna) und wurde dort als Colon bezeichnet. Gleichzeitig war er auch in Lüttringen, teilweise gemeinsam mit seiner Ehefrau, als Landbesitzer verzeichnet. Er dürfte daher als Hoferbe anzusehen sein.


Eine Schwester heiratete 1841 den Witwer Eberhard Kayser, einen Colon in Bachum. Der zweite Bruder heiratete 1843 die Witwe Wilhelmine Droste in Lüttringen. Diese bewirtschaftete mit knapp 42 Morgen den viertgrößten Hof des Ortes. Er führte später den Namen „Helmich genannt Droste“. Ein weiterer Bruder starb bereits 1822 im Alter von drei Jahren.


1856


Als Randvermerk im Taufeintrag ist festgehalten, dass Anton Helmich am 12. Mai 1856 nach Hemmerde (wo bereits sein älterer Bruder wohnte) entlassen wurde. Dort heiratete er am 12. Juni 1856 die 41-jährige Elisabeth Engelkamp, verwitwete Hernekamp. [4] Sie hatte einen Sohn und eine Tochter aus der ersten Ehe.


1863


In diesem Jahr gründete Anton Helmich die Gesellschaft zur Herstellung von „Hellmichs Magenbitter“. Ob das Rezept auf eine familiäre Überlieferung zurückgeht, lässt sich nicht feststellen. Bekannt ist jedoch, dass bereits seine Großeltern in Lüttringen als Bierbrauer tätig waren. [5]


1879


In einer ganzseitigen Anzeige im Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung vom 14. März 1879 wird der Lebensbitter als „größte Erfindung der Neuzeit“ angepriesen. [6] Die Anzeige enthält die Namen von 215 Personen, die die Wirksamkeit des Produkts bestätigen sollen. Anton Hellmich setzt darin eine Belohnung von 10.000 Mark für denjenigen aus, der die Unwahrheit dieser Zeugnisse nachweisen kann.


1880


Am 14. Oktober 1880 berichtet die Dortmunder Zeitung, dass die Königliche Staatsanwaltschaft das Hellmichsche Laboratorium geschlossen und sowohl den vorhandenen Bitter als auch die verwendeten Ingredienzen beschlagnahmt habe. [7]


1881


Am 22. April 1881 verurteilte das Dortmunder Gericht Anton Hellmich zu vier Monaten Gefängnis. Zudem wurde die Beschlagnahmung der vorhandenen Vorräte an Lebensbitter angeordnet. Ein Sachverständiger hatte einen Aloe-Gehalt von 10 bis 16 Prozent festgestellt, obwohl medizinisch höchstens etwa ein Prozent als zulässig galt. Nach Auffassung des Gutachters könne das Getränk in den Händen von Laien gesundheitsschädlich wirken. [8, 9]


Die Zeitungen meldeten am 08. Juli 1881, dass sich Anton Helmich der Strafverbüßung durch Flucht entzogen hat, aber in Aachen aufgegriffen wurde. [10]


1885


Trotz dieser Rückschläge war der Lebensbitter wieder auf dem Markt. In einer Anzeige im Sauerländer Boten wird aus einem Gutachten zitiert, das den Lebensbitter als ausgezeichnetes Hausarzneimittel empfiehlt. Unter den genannten Verkaufsstellen findet sich auch Lothar Otterstedde in Bremen. [11]


1885


Um 1885 ließ Anton Helmich einen Werbeschein drucken. Dieser Reklameschein wurde von Uwe Bronnert ausführlich beschrieben; die hier verwendete Abbildung des Kassenscheins und die Erklärungen stammen aus dessen Veröffentlichung. [12]


Während des Deutschen Kaiserreichs nutzten Unternehmen häufig Werbemittel in Form von nachgeahmten Geldscheinen. Da Papiergeld Ende des 19. Jahrhunderts noch vergleichsweise wenig verbreitet war, konnte man sicher sein, dass solche „exotischen“ Zahlungsmittel besondere Aufmerksamkeit erregten.


Anton Helmich griff diese Werbeform auf und bewarb seinen „Lebensbitter“ mit einem dem Reichskassenschein zu 20 Mark nachempfundenen Druckstück.


Der Werbeschein misst 140 × 86 Millimeter und entspricht damit nahezu den Abmessungen des Originals (140 × 90 Millimeter). Während die Rückseite im Hochformat das Brustbild des Unternehmers zeigt, enthält die Vorderseite rechts eine vereinfachte Darstellung des Kassenscheins, während die linke Hälfte die Werbebotschaft trägt.


Der Hinweis auf die Originalflasche zeigt, dass bereits damals Fälschungen oder Nachahmungen ein Problem waren.


Rückseite des Kassenscheins mit einem Werbeaufdruck des Lebensbitters

Schwarz-weißes Brustbild von Anton Hellmich mit Stockflecken am Rand

1888


Anton Helmich starb am 7. August 1888 im Luisen-Hospital in Dortmund. Seine Ehefrau war bereits 1882 verstorben. [13] Das Ehepaar wohnte zuletzt am Hiltropwall 9 in Dortmund.


1889


Der Ehemann seiner Stieftochter veröffentlichte im Namen der Erben eine Erklärung, in der mitgeteilt wurde, dass der Lebensbitter weiterhin nach dem Originalrezept hergestellt werde. [14]. Es entwickelte sich ein Streit zwischen den Erben und dem Kaufmann Ferdinand Böhle, der das Rezept von einem Freund von Anton Hellmich erworben haben will und sich als rechtmäßiger Hersteller des Lebensbitters sieht.


Ein Handelsgericht entscheidet zugunsten der Erben. [15]


1893


Zwischenzeitlich hat sich Ferdinand Böhle die Markenrechte an dem Bildnis von Anton Hellmich eintragen lassen, so dass es weitere Gerichtsverfahren über das Rezept und die Marke gab. [16]


1912


Am 30. April 1912 registriert das Königliche Amtsgericht in Dortmund den Übergang des Unternehmens auf Ferdinand Böhle. [17]


1938


Mindestens bis 1938 wurde Hellmichs Lebensbitter noch vertrieben. In der Abendausgabe des Hamburger Fremdenblatts vom 26. November 1938 findet sich eine entsprechende Verkaufsanzeige. [18]


2026


Im Jahr 2026 wurde auf einer Verkaufsplattform in Brasilien eine (leere) Originalflasche von „Hellmichs Lebensbitter“ für umgerechnet 51 Euro angeboten. [19] Hieraus lässt sich vermuten, dass Auswanderer den Lebensbitter aus Westfalen in ihrem Gepäck hatten. Auf jeden Fall hat die wahrscheinlich sehr seltene Flasche heute einen beachtlichen Sammlerwert.


 


Grüne Flasche mit Glasprägung und nicht vollständigem Etikett mit der Aufschrift Hellmichs Lebensbitter


 

 

QUELLEN:

[1]

Dortmunder Zeitung, 12.09.1886, S.2: https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/.

[2]

https://data.matricula-online.eu/de/; KB St. Lambertus Bremen, Taufen 1821-1825, KB006-02-T, S. T_0084.

[3]

Ablösung der Reallasten von den Zehntländereien zu Hünningen und Lüttringen, Vermeßregister, 1827, LAV NRW, Westfalen W 051 / Karten, Nr. 29976.

[4]

https://data.matricula-online.eu/de/; KB St. Peter und Paul Hemmerde, Trauungen 1854-1912, KB006-02-H, S. H_0005.

[5]

Kopfschatzregister, 1759; StLdstA Arnsberg, Nr. IV A 10. Bd. 2, S. 569.

[6]

Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Morgenausgabe vom 14. März 1879, S. 11; https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/.

[7]

Dortmunder Zeitung, 04.10.1880, S.2: https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/.

[8]

[9]

Dortmunder Zeitung, 06.08.1881, S.3: https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/.

[10]

Central-Volksblatt für den Regierungsbezirk Arnsberg : Arnsberger Zeitung : Sauerländer Bote : amtliches Kreisblatt für den Kreis Arnsberg , 28.07.1881, S. 3: https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/.

[11]

Central-Volksblatt für den Regierungsbezirk Arnsberg : Arnsberger Zeitung : Sauerländer Bote : amtliches Kreisblatt für den Kreis Arnsberg , 28.03.1885, S. 3: https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/.

[12]

[13]

Sterberegister Standesamt Dortmund-Mitte I, P 6 / 6, 1888, Nr. 1117

[14]

Dortmunder Zeitung, 21.04.1889, S.3: https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/.

[15]

Rheinisches Volksblatt, 13.07.1889, S.3: https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/.

[16]

Dortmunder Zeitung, 10.02.1893, S.1: https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/.

[17]

Dortmunder Zeitung, 08.05.1912, S.8: https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/.

[18]

Zeitungsportal der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky

[19]

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 Rev. 0 vom 18.07.2026


  


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